Über den Film

Léon, der Profi

Keine Frauen, keine Kinder. Das sind die Randgruppen, sie werden von Léon verschont. Alle anderen tötet er, wenn er dazu beauftragt wird. "Cleaner", sein Beruf, ist für Léon eine selbstverständliche Arbeit. Er ist zuverlässig, pflichtbewusst und er ärgert sich, wenn er zu spät kommt. Töten ist Léons Lebensinhalt, und zwar seit er mit 19 aus Italien nach New York auswanderte. Veränderungen sind nicht gut, warnt Auftragszwischenhändler Toni. Léon nickt, und doch kann er, der Profikiller, sich nicht gegen ein zwölfjähriges Mädchen wehren.

 

                      

 

Mathilda, das Nachbarsmädchen, bietet eines Tages unverhofft an, Léon Milch aus dem Supermarkt mitzubringen. Léon willigt zögernd ein. Als Mathilda Minuten später zurückkommt, ist ihre Familie ausgerottet. Traurig ist Mathilda nur um ihren vierjährigen Bruder. Ihr Vater schlug sie, ihre Schwester schlug sie noch schlimmer und die "Mutter" war nicht ihre Mutter. Nur ihren Bruder hatte sie lieb. Schnell findet Mathilda heraus, dass Léon Profikiller ist und bittet ihn um Rache für ihren Bruder. Als Léon ablehnt, möchte sie selbst Profikillerin werden, um eines Tages selbst auf die Mörder zu schießen.

 


Das an sich würde Léons Leben ja nicht weiter verändern. Doch Mathilda erweckt den Mann mit dem steinernen Herzen wieder zu Leben. Und diese Entwicklung ist äußerst beeindruckend dargestellt von den beiden Schauspielern. Als Léon Mathilda zum ersten Mal im Flur trifft, fragt das Kind: "Ist das Leben immer so hart oder nur, wenn man Kind ist?" In Léons Gesicht zuckt es, er ist getroffen, ehe er traurig, aber hart erwidert: "Es wird immer so sein." Auch gleich nachdem Léon Mathilda bei sich aufgenommen hat, ist die Macht zu erahnen, mit der das Kind auf den Killer wirkt: Der scheinbar Gefühlskalte vergisst seine Panzerung und versucht, Mathilda mit einer Schweine-Handpuppe zu trösten. Gerade diese Szene ist besonders ergreifend, weil in ihr die tiefe Trauer zum Ausdruck kommt, die in Léon sitzt: Er kann der lustig-rosanen Handpuppe nur eine tiefe, melancholische Stimme verleihen, als das Schwein grüßt: "Hallo, Mathilda!" Doch schon bald ist es umgekehrt, da bringt Mathilda Léon zum Lachen, und zwar bei einer wilden Wasserschlacht. Das Mädchen, dessen Familie soeben ermordet wurde, vertreibt die Trauer aus einem Profikiller!

Schließlich entwickelt sich zwischen Léon und Mathilda sogar eine Liebe, die jedoch nicht kitschig wird, wie man es angesichts einer Geschichte über einen harten Helden und ein hübsches Mädchen erwarten könnte. Allein Mathildas Alter von zwölf Jahren verhindert dies. So denkt der Zuschauer nicht, was Léon doch für ein Idiot sei, weil er die zahllosen Liebeshinweise Mathildas ablehnt. Ablehnungen müssten auch für den Zuschauer selbstverständlich sein, doch wegen der psychologisch ausgearbeiteten Handlung und der schauspielerischen Leistung wünscht man sich trotzdem, Léon möge Mathilda nicht in ihren Gefühlen alleine lassen. Schließlich ist Léon selbst noch nicht erwachsen, obwohl er es längst sein müsste.

 


Dennoch spürt Léon, dass die Liebe auch ihn beschleicht. Damit wird er, den der Liebeskummer zum Killer werden ließ, in seinen Grundfesten erschüttert. Mathilda sagt: "Léon - schöner Name", und Léon verschüttet seine Milch. Mathilda sagt: "Ich glaube, ich habe mich in dich verliebt", und wieder verschluckt sich Léon. Er reagiert sauer, stapft zur Arbeit und fängt sich prompt eine Kugel ein, vermutlich zum ersten Mal überhaupt.

Leon ahnte die Gefahr von Beginn an

Léon ahnte die Gefahr von Anfang an. Doch immer wieder unterlag er Mathilda. Als Mathilda um Einlass bettelte und hinter ihr schon die Mörder aufmerkten, schien es, als bleibe die Tür zu. Doch Léon öffnete schließlich doch. In der ersten Nacht konnte Léon nicht schlafen, er lud sein Gewehr und stapfte zur schlafenden Mathilda, doch er drückte nicht ab. Mathilda hält sich einen Revolver an den Kopf, und in letzter Minute entschließt sich Léon doch, ihr die Kanone zu entreißen. Immer wieder das gleiche: Léon versucht, seine Gefühle zu verneinen, doch in letzter Minute erkennt er, dass er ihnen unterlegen ist.

Insgeheim träumt Léon nämlich von einem unbeschwerten Leben. Er ist ein kleiner Junge geblieben, während Mathilda überaus erwachsen scheint. Léon trinkt ausschließlich Milch, trägt zu kurze Hosen, als könnte er sich allein nicht ankleiden und liebt die Unbeschwertheit in Gene-Kelly-Filmen.

Luc Bessons Film von 1994 ist aber nicht nur durch die psychologisch ausgearbeiteten Charaktere brillant. So wird die Handlung perfekt unterstützt durch die Filmtechnik. Beispielsweise setzt Besson Mittel wie die Zeitlupe ein, einmal um die Spannung zu erhöhen, an anderer Stelle, um eine wichtige Szene wirkungsvoller zu gestalten. Die Musik hält sich immer im Hintergrund und betört den Zuschauer im Unterbewusstsein über lange Strecken durch ihre fast permanent präsente Bedrohung. Sie unterlegt die Handlung eher skizzenhaft: Als der Drogenfahnder und Drogenboss Stansfield Mathildas Familie leidenschaftlich ausrottet, hat er die schwere Musik Beethovens im Kopf, die im Film seinen rauschhaften Mordeszug zaghaft begleitet.

Beim Einsatz von Licht fallen besonders zwei Szenen ins Auge: Als Léon Mathilda endlich die Tür öffnet und dadurch vor dem Tod rettet, sieht Mathilda in ein helles Licht der Erlösung. Und als Léon nach dem Schlussgefecht dem Ende des Tunnels entgegengeht, durch den er die Kampfstätte verlassen will, wird sein Gesicht bestrahlt und durch diesen Lichteinsatz verstärkt, dass seine Augen sowieso leuchten und er lächelnd der Erlösung von seiner Traurigkeit entgegensieht. Die Kameraführung verstärkt die Spannung der Actionszenen des Films deutlich. Besonders Léons bewundernswert sicher ausgeführte Aufträge sind sehenswert.

Das Weltbild im Film ist äußerst düster. Das Gute ist böse, das Böse ist gut. Die Familie bietet keine Geborgenheit. Kindsein ist hart. Drogenfahnder sind selbst Großdealer und töten lachend Frauen und Kinder, während der Profikiller nicht hassens- sondern bemitleidenswert ist ob seiner Traurigkeit, die in diesem Weltbild vollkommen verständlich ist. Dennoch ist die Alternative "Tod oder Liebe" (Mathilda) nicht trostlos. Schließlich ist Léon ausgerechnet in dem Moment von seinen Hemmungen, sich und Mathilda die Liebe zu gestehen, erlöst und damit zum ersten Mal seit vielen Jahren glücklich, als der Tod so heftig an die Tür pocht wie noch nie.

 

 

 

 

 

3.2.07 11:40

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